Auszug aus der Festschrift 1974

25 Jahre Katholikentags-Dorf in Bochum Harpen, herausgegeben von der Siedlergemeinschaft "Am Schleipweg" unter dem Vorsitz von Günter Reimann.

War es vor 25 Jahren noch eine nicht ernst zu nehmende Phantasterei von wenigen Personen und Männern um Nikolaus Ehlen, so ist es heute schon eine fast vergessene und kaum erwähnenswerte Geschichte, die sich in Bochum ereignet hat.
Was ist nun wirklich mit diesem schönen Dorf?
Als im Jahre 1948 die Währungsreform einen Schlussstrich unter die düstere Schwarzmarktepoche der Nachkriegszeit setzte, glaubte noch niemand an ein "Wirtschaftswunder".
Berlin war gerade wieder blockadefrei, aber in den Städten türmten sich noch die Schutthaufen zwischen den Ruinen. Vielerorts rief man zur Selbsthilfe auf und stellte auch in Bochum freiwilligen Enttrümmern als Gegenleistung das Grundstück für eine Kleinsiedlerstelle zur Verfügung. Nur gesunde, selbst bewusste und handwerklich geschulte Leute hatten die Möglichkeit dabei zu sein.
Auch kirchliche Stellen erkannten die große Gefahr der Verrohung und Verwahrlosung in den Not- und Elendsquartieren. Man versuchte zunächst auf karitativer Basis zu helfen.
Damals waren es Nikolaus Ehlen und sein Kreis, die eindringlich die Beseitigung dieser Missstände durch Schaffung von Familien gerechten Heimen auf eigenem Grund und Boden forderten.

Eine gute Gelegenheit, eine große Sache in dieser Richtung zu starten, bot sich beim 73. Deutschen Katholikentag in Bochum.
Mahnend verkündeten zahlreiche Plakate:
Der Schlüssel zur sozialen Gerechtigkeit ist die Siedlung - spende einen Stundenlohn für die Siedlung des Katholikentages!
Wer spricht heute noch von den vielen Helfern, die mit ihren kleinen, selbst gebastelten Holzhäuschen vor der Brust um eine Spende baten und so den Grundstein für das Katholikentagsdorf legten.
Bezeichnend war, dass selbst der Erzbischof Dr. Lorenz Jäger und Dr. Ehlen persönlich sammelten.
Gemessen an den Sorgen und Nöten der damaligen Zeit waren bei einem Durchschnittsstundenlohn von 1,6D DM die gesammelten 100 000,- DM ein sehr erfreuliches und nicht erwartetes Ergebnis, zumal von vielen Spendern eine laufende monatliche Zuwendung zugesagt und auch eingehalten worden ist.
Unter aktiver Mitwirkung des Lokalkomitees wurde die Stiftung zum Bau des Deutschen Katholikentagsdorfes 1949 gegründet.
Schirmherr dieser Stiftung wurde Karl Fürst zu Löwenstein, als Präsident des Zentralkomitees zur Vorbereitung der deutschen Katholikentage.
Weitere 24 bekannte Persönlichkeiten, unter ihnen der Erzbischof von Paderborn Dr. Lorenz Jäger, Minister Lübke, später Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Landtagspräsident Gockel, Sophie Gräfin zu Eltz und Oberbürgermeister aD Dr. Geyer, waren in diesem Gremium vertreten. Den Vorsitz des geschäftsführenden Vorstandes übernahm der Konteradmiral aD Ludwig Stummel.

In allen Tageszeitungen und Bochumer Kirchen wurden die Siedlungswilligen aufgerufen sich zu melden.
Die erste Versammlung fand im Dezember 1949 in den Räumen der zum Teil zerstörten Bürgergesellschaft unter Leitung des geschäftsführenden Vorstandes statt.
Ludwig Stummel registrierte 200 Teilnehmer und sprach über Planung und Gestaltung der künftigen Siedlergemeinschaft. Die Stiftungsmittel sollten nicht als Geschenk, sondern als zinsloses Darlehn gegeben werden. Damit bestand die Verpflichtung in Selbst- und Nachbarschaftshilfe die angebotenen Werte bestmöglich zu nutzen.
Der Stiftungsrat hatte beschlossen, die Siedlung im Stadtteil Harpen in der Nähe der katholischen Kirche zu bauen. Die Kirche sollte der Mittelpunkt des Dorfes sein. Das Kirchenland war sehr günstig erworben und nach zähen Verhandlungen konnte die Bodenfrage auch mit den Privateigentümern gelöst werden.
Zur Festigung der Gemeinschaft wurde eine Siedler- und Sparordnung erarbeitet. Für viele Siedler war es schwer, monatlich 10,- DM zu sparen.

 

Der von den Siedlerbewerbern gewählte Vorstand setzte sich wie folgt zusammen:
1. Vorsitzender: Josef Rose
2. Vorsitzender: Johannes Lammert Geschäftsführer: Ludwig Stummel
Kassierer: Paul Nowak
Fachberater: Josef Dittrich
Beisitzer: Robert Pfeffer Ewald Zinke

Im Frühjahr 1950 begann die praktische Arbeit. Aus organisatorischen Gründen wurden die Siedler im Laufe von 4 Monaten nach und nach zur Arbeit aufgerufen. Die große Hilfe waren die zur Verfügung gestellten Feldbahnloren und Gleise, sowie die als Schwedenspende bekannt gewordenen Maschinen zur Herstellung von Hohlblocksteinen aus Trümmerschutt.
Die Planung für die Gestaltung des Dorfes übernahm Stadtrat Hellrung. Architekt für die 2 verwendeten Haustypen war H. Bergmann.

Nachdem die Baugruben von den Siedlern ausgehaben waren, lief die Herstellung der Hohlblocksteine auf Hochtouren. Dann rückten die Baufirmen Gründer, Hackert, Knüwer und Schrader an. Nach vorbildlicher Zusammenarbeit war der 1, Bauabschnitt mit 31 Häusern nach knapp einem Jahr fertig. Am 19. 5. 1951 weihte der Erzbischof von Paderborn Dr. Lorenz Jäger das Dorf im Beisein von vielen Ehrengästen ein. Gleichzeitig legte Karl Fürst zu Löwenstein den Grundstein für den 2. Bauabschnitt.
Durch den Zuzug vieler kinderreicher Siedlerfamilien bestand natürlich Bedarf nach einem Kindergarten und Pfarrheim, bei dessen Bau sich die Siedlergemeinschaft trotz eigener großer Belastung gemeinsam mit den Gemeindemitgliedern vorbildlich einsetzte. Der Erzbischof ermahnte die Siedler in einer am gleichen Tage stattfindenden Feierstunde, anlässlich der Grundsteinlegung von Pfarrheim und Kindergarten, über den sozialen Gewinn nicht Gott und die Mitmenschen zu vergessen.

Anfang Oktober 1952 zogen die Siedlerfamilien des 2. Bauabschnittes in ihre Häuser ein. Die Finanzierung war schwieriger geworden, konnte aber durch ein Darlehn der Harpener Bergbau AG behoben werden. Dafür wurde der Harpener Bergbau AG für 10 Jahre das Belegungsrecht für 10 Einliegerwohnungen eingeräumt.
Im August 1952 wurde dann mit dem Bau des 3. und letzten Bauabschnittes begonnen, der im Winter 1952/53 bezugsfertig war.

Der Stiftungsrat tagte am 19.7.1953 zum letzten Mal und bestimmte, das rück fließende Gelder des zinslosen Darlehns neuen Siedlerbewerbern im Dekanat Bochum zur Verfügung stehen sollten. Leider ist diese gute Idee durch die anhaltende Geldentwertung in der beabsichtigten Wirkung gehemmt worden. Die gesamte Siedlergemeinschaft feierte am gleichen Tage auf dem heutigen Kinderspielplatz ein Dankhochamt im Freien.
In der Zwischenzeit wurde der Bau einer neuen Kirche begonnen. Auch hier bewährte sich der Siedlergeist in der Selbsthilfe. Eine Tageszeitung schrieb dazu: "Denn zur Arbeit aufgerufen wird, sind stets 40 bis 50 Freiwillige zur Stelle". Im Dorf wohnten nach Fertigstellung aller Bauabschnitte 144 Familien mit fast 500 Menschen, darunter 191 Kinder.

Die Kosten für das gesamte Darf betrugen
DM 1 960 000,-. Für die Grundstücke und die Erschließung wurden DM 240 000,- aufgewendet. Die reinen Baukosten von DM 1 720 000,- ergaben ein Mittel von DM 25 700,- pro Haus. Für 76 Häuser sind diese entstandenen Kosten für heutige Verhältnisse ein sagenhaft niedriger Preis. Dieses Ziel konnte auch damals nur mit der Selbsthilfe aller Siedler und rationeller Verwendung aller Mittel erreicht werden.
Die gesamte Finanzierung setzte sich zusammen:
560 000,- DM 1. Hypotheken
680 000,-- DM Landesmittel
220 000,-- DM Stiftungsmittel
50 000,- DM Arbeitgeberdarlehn
140 000,- DM sonstige Zuschüsse
310 000,- DM Eigenleistung

Jeder Siedler leistete durchschnittlich 2 553 Arbeitsstunden.
150 000 Hohlblocksteine wurden selbst hergestellt.
538 000 Ziegelsteine wurden aus Enttrümmerung gewonnen.
In Eigenleistung wurden die gesamte Kanalisation mit Hausanschlüssen und die Straßenbauarbeiten erstellt:
4 000 m² Straßendecke
1 200 lfd. m Bordsteine

3 400 m² Packlage aus Ziegelbrocken
10 000 m Lehm- und Mutterboden wurden von Hand bewegt
750 m Kellerbauwerk 2 1 B50 m Kellerdecken
71 Ställe einschließlich Dachkonstruktion
sämtliche Anstreicherarbeiten sowie Installationsarbeiten im 2. und 3.
Bauabschnitt, Wasserbottiche und Kellerputz für alle Häuser.

War Nikolaus Ehlen der geistige Vater des Dorfes, wurde Amtmann Rose der praktische Siedlervater. Ohne seinen Einsatz und seine Leistung wären die vorstehenden niedrigen Kosten sicherlich nicht erreicht worden. Sein Helferstab stand ihm treu zur Seite, und seine Siedler standen geschlossen hinter ihm. Unvergessen seine "Lesungen" aus Märchen und Fabeln in den Siedlerversammlungen über Sparsamkeit und Gemeinschaftssinn.
Unvergessen seine Aktionen, aus Trümmern alle Werte zu bergen und für die Gemeinschaft nutzbringend zu verwerten. Er war Optimist auch in schwersten Zeiten und es ging mit seinem großen Gottvertrauen stets vorwärts. Er war der ruhende Pol, um den sich alles drehte.

Am 17. 11. 1957 konnten sich dann alle Siedler und Ehefrauen als Eigentümer betrachten. Die Baugenossenschaft Langendreer unter Amtmann Stöhr als Bauträger hatte die Siedlerstellen durch das Amtsgericht Bochum den Siedlern übertragen. Dieser denkwürdige Tag wurde in einer kleinen Feier begangen.
Von vielen Besuchern wird auch heute noch der Gemeinschaftssinn des Dorfes bewundert und anerkannt. Es wird umgebaut und modernisiert. Der alte Siedlergeist ist in vielen Dingen noch lebendig. Es lässt sich gut leben im Dorf. Das familiengerechte Heim ist Wirklichkeit, die Gemeinschaft und der Vorstand sind aktiv.
Deckt auch manchen Siedler und manche Siedlerfrau der grüne Rasen, die Kinder haben das Erbe übernommen und werden es weiterführen im gleichen Geist, der 1949 auf dem Katholikentag geweckt wurde unter dem Motto

"Gerechtigkeit schafft Frieden!

 

 

 

 

 

 

 

letzte Ă„nderung 20-Aug-2010